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23.03.2011. Russland auf der Suche

Das Ende der Sowjetherrschaft: War es, wie Putin sagt, eines der großen geopolitischen Desaster des 20. Jahrhunderts? Oder war es das Ende von 70 Jahren Kulturzerstörung und Bürgerkrieg? Das Bild der Vergangenheit ist umstritten, immer aber Projektionsfläche der russischen Zukunft.

Dieser Tage kam eine E-Mail aus Moskau von einem Freund, Sergej Karaganow, Dekan an der renommierten Diplomatenschule. Der Großvater wurde in Stalins Gulag erschossen, der Vater war der Filmgewaltige der Sowjetzeit. Der Enkel ist einer der führenden politischen Intellektuellen Russlands und Präsidentenberater. Was er schickt, ist ein Memorandum zur "Immerwährenden Erinnerung an die Opfer der totalitären Herrschaft und nationaler Versöhnung". Präsident Medwedjew soll dem Vortrag schweigend zugehört haben. Hier einige Auszüge, die an Deutlichkeit kaum zu überbieten sind: "Ziel ist die Bewusstseinsänderung der russischen Gesellschaft und der Eliten. Eine Modernisierung des Landes ist politisch und technisch unmöglich, ohne zuvor das Denken der Menschen zu verändern, ohne ein Verantwortungsgefühl für sich und das Land und ohne ein wenngleich bitteres Gefühl des Stolzes."

Nicht länger dürfe die Gesellschaft die "furchtbare Sünde" verbergen: "70 Jahre totalitärer Herrschaft, seitdem das Volk die Revolution machte und ein menschenfeindliches, barbarisches Regime an die Macht brachte. Die Menschen duldeten dessen Existenz und beteiligten sich an einem Völker-Selbstmord - die systematische, periodische Vernichtung der besten, stärksten und freiheitlichsten Geister." Karaganow spricht von sieben Jahrzehnten eines Bürgerkriegs, der zuerst Adel und Bürgertum traf und dann die Bauern, später die neue Intelligenzija und die Spitzen des Militärs - ein einziges blutiges Drama. Da ist etwas im Stürzen. Selbst Lenin wird nicht mehr geschont, der wie ein Dämon des Todes den Massen- und Klassenmord befahl. 

Zurück zum letzten Tag des Friedens vor dem Großen Krieg 1914? Das ist nicht die Richtung. Wohl aber eine Modernisierung, die mehr bedeutet als Petrodollars, westliche Technik und Wohlstand. 

Russland ist noch immer unsicher und unversöhnt. Die Suche nach dem ewigen Russland, die mit Chruschtschows Enthüllungen über Stalin auf dem XX. Parteitag der KPdSU begann, ist nicht zu Ende. Ihr Ausgang ist ungewiss. Die Debatte hat begonnen, aber diesmal in den Korridoren der Macht. 

Der Autor ist Historiker und Chefkorrespondent der "Welt"-Gruppe und schreibt im Wechsel mit Lord Weidenfeld.

// http://www.welt.de/print/die_welt/debatte/article12927546/Russland-auf-der-Suche.html